MLWerke Marx/Engels - Werke Artikel und Korrespondenzen 1881

Seitenzahlen verweisen auf:    Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 19, 4. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 261-265.
Korrektur:    1
Erstellt:    18.07.1999

Friedrich Engels

Der Handelsvertrag mit Frankreich

Geschrieben Mitte Juni 1881.
Aus dem Englischen.


["The Labour Standard" Nr. 7 vom 18. Juni 1881, Leitartikel]

|261| Am Donnerstag, dem 9. Juni, brachte Herr Monk (Gloucester) im Unterhaus eine Resolution ein, die darauf hinauslief, daß

"kein Handelsvertrag mit Frankreich zufriedenstellend sein werde, der nicht auf die Entwicklung der Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern durch weitere Zollherabsetzung abziele".

Es folgte eine ziemlich lange Debatte. Sir C. Dilke leistete im Namen der Regierung den durch die diplomatische Etikette gebotenen sanften Widerstand. Herr J.A. Balfour (Hertford) wollte fremde Nationen durch Retorsionszölle zwingen, niedrigere Tarife festzusetzen. Herr Slagg (Manchester) wollte es den Franzosen überlassen, ganz ohne jeden Vertrag herauszufinden, welchen Wert unser Handel für sie und ihr Handel für uns habe. Herr Illingworth (Bradford) erklärte, er habe die Hoffnung aufgegeben, durch Handelsverträge zum Freihandel zu gelangen. Herr Mac Iver (Birkenhead) bezeichnete das gegenwärtige Freihandelssystem als bloße Täuschung, da es in freier Einfuhr und beschränkter Ausfuhr bestehe. Die Resolution wurde mit 77 gegen 49 Stimmen angenommen - eine Niederlage, die weder Herrn Gladstones Gefühlen noch seiner Stellung wehe tun wird.

Diese Debatte ist ein Musterbeispiel für eine lange Reihe immer wiederkehrender Klagen über die Halsstarrigkeit, mit der sich der stupide Ausländer und sogar der ebenso stupide Kolonialuntertan weigert, die allumfassenden Segnungen des Freihandels und seine Eignung als Heilmittel aller ökonomischen Übel anzuerkennen. Niemals ist eine Prophezeiung so völlig zusammengebrochen wie die der Manchesterschule: Der Freihandel, einmal in England eingeführt, werde eine solche Segensfülle über |262| das Land ausschütten, daß alle anderen Nationen dem Beispiel folgen und ihre Häfen den englischen Waren weit öffnen müßten. Die lockende Stimme der Freihandelsapostel blieb die Stimme des Predigers in der Wüste. Nicht nur der Kontinent und Amerika erhöhten alles in allem ihre Schutzzölle; auch die britischen Kolonien folgten nach, sobald sie die Selbstverwaltung erhalten hatten; und kaum war Indien der Krone unterstellt, als auch dort zur Ermutigung der einheimischen Industrie ein fünfprozentiger Einfuhrzoll auf Baumwollwaren eingeführt wurde.

Warum dem so sein muß, ist für die Manchesterschule ein unergründliches Geheimnis. Und doch ist die Sache ganz einfach.

Ungefähr um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war England der Hauptsitz der Baumwollmanufaktur, und deshalb war es natürlich, daß bei der wachsenden Nachfrage nach Baumwollwaren gerade hier die Maschinen erfunden wurden, die mit Hilfe der Dampfkraft erst die Baumwollverarbeitung und nach und nach die ganze übrige Textilindustrie revolutionierten. Die umfangreichen, leicht zugänglichen Kohlenvorkommen Großbritanniens wurden jetzt, dank der Dampfkraft, zur Grundlage des Wohlstands des Landes. Die ausgedehnten Eisenerzlager in enger Nachbarschaft der Kohlenvorkommen förderten die Entwicklung der Eisenindustrie, die durch die Nachfrage nach Dampfmaschinen und sonstigen Maschinen einen neuen Auftrieb erhalten hatte. Dann, mitten in dieser Revolution des ganzen Fabrikationssystems, kamen die Antijakobiner- und die napoleonischen Kriege, welche die Schiffe fast aller konkurrierenden Nationen für etwa fünfundzwanzig Jahre vom Meer vertrieben und so den englischen Industriewaren praktisch ein Monopol auf allen überseeischen und einigen europäischen Märkten gaben. Als 1815 der Friede wiederhergestellt war, stand England mit seinen mit Dampfkraft betriebenen Fabriken bereit, die Welt zu versorgen, wahrend in anderen Ländern Dampfmaschinen noch kaum bekannt waren. In der industriellen Produktion hatte England ihnen gegenüber einen gewaltigen Vorsprung.

Die Wiederherstellung des Friedens veranlaßte jedoch bald andere Nationen, in Englands Fußtapfen zu treten. Durch die chinesische Mauer seiner Prohibitivzölle geschützt, führte Frankreich die Dampfkraft in die Produktion ein. Ebenso verfuhr Deutschland, wenngleich der deutsche Zolltarif damals liberaler war als alle übrigen, der englische nicht ausgenommen. Andere Länder taten desgleichen. Zur selben Zeit führte die englische Grundbesitzeraristokratie, um ihre Renten zu erhöhen, die Korngesetze ein, was eine Erhöhung des Brotpreises und damit der Geldlöhne zur Folge hatte. Dennoch ging die Entwicklung der englischen Industrie in erstaun- |263| lichem Tempo vorwärts. Um 1830 hatte sich England darauf eingerichtet, "die Werkstatt der Welt" zu werden. Es wirklich zur Werkstatt der Welt zu machen, war die Aufgabe, die sich die Anti-Korngesetz-Liga gestellt hatte.

Damals wurde kein Geheimnis daraus gemacht, welches Ziel mit der Aufhebung der Korngesetze verfolgt wurde. Die Senkung des Brotpreises und damit der Geldlöhne sollte die englischen Fabrikanten in den Stand setzen, jeglicher Konkurrenz Trotz zu bieten, mit der böse oder unwissende Ausländer sie bedrohten. Was konnte natürlicher sein, als daß England, mit seinem großen Vorsprung in bezug auf Maschinerie, mit seiner riesigen Handelsflotte, seiner Kohle und seinem Eisen, die ganze Welt mit: Industrieartikeln versorgen sollte, und als Gegenleistung die übrige Welt es mit Agrarprodukten, Korn, Wein, Flachs, Baumwolle, Kaffee, Tee etc., versorge? So sollte es nach dem Ratschluß der Vorsehung sein, und sich dem zu widersetzen, bedeutete offene Auflehnung gegen Gottes Fügung. Im äußersten Fall mochte es Frankreich gestattet sein, England und die übrige Welt mit solchen Artikeln des guten Geschmacks und der Mode zu versorgen, die maschinell nicht herstellbar und der Beachtung eines aufgeklärten Fabrikbesitzers ganz und gar unwürdig waren. Dann, und nur dann, konnte Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen sein; dann wären alle Nationen durch die zarten Bande von Handel und wechselseitigem Profit miteinander verbunden; dann wäre für immer das Reich des Friedens und Überflusses errichtet; und der Arbeiterklasse, den "Händen", sagte man: "Kinder, jetzt kommt eine gute Zeit - wartet noch ein wenig." Es versteht sich von selbst, daß die "Hände" noch immer warten.

Aber während die "Hände" warteten, warteten die bösen und unwissenden Ausländer nicht. Sie hatten kein Verständnis für die Schönheit eines Systems, das Englands zeitweilige industrielle Überlegenheit in ein Mittel verwandeln sollte, ihm das Industriemonopol in der ganzen Welt und auf ewige Zeiten zu sichern und alle anderen Nationen zu rein agrarischen Anhängseln Englands herabzuwürdigen - mit anderen Worten, sie in die überaus beneidenswerte Lage Irlands zu bringen. Sie wußten, daß keine Nation mit den anderen kulturell Schritt halten kann, wenn sie ihrer Industrie beraubt und damit auf das Niveau eines Haufens von Bauerntölpeln herabgedrückt wird. Und deshalb ordneten sie den privaten Handelsprofit den nationalen Bedürfnissen unter und schützten ihre entstehenden Industrien durch hohe Zölle, was ihnen als das einzige Mittel erschien, sich vor dem Herabsinken auf das wirtschaftliche Niveau zu schützen dessen sich Irland erfreut.

|264| Wir wollen nicht behaupten, daß ein solches Verfahren in jedem Falle das richtige war. Im Gegenteil, Frankreich würde aus einer weitgehenden Annäherung an den Freihandel ungeheure Vorteile ziehen. Die deutsche Industrie hat ihre heutige Entwicklungsstufe unter dem Freihandel erreicht, und Bismarcks neuer Schutzzolltarif wird niemandem schaden als den deutschen Fabrikanten selbst. Aber es gibt ein Land, wo eine kurze Periode des Schutzzolls nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar absolut notwendig ist - Amerika.

Amerika befindet sich auf dem Punkt seiner Entwicklung, wo die Einführung fabrikmäßiger Produktion eine nationale Notwendigkeit geworden ist. Das beweist am besten die Tatsache, daß auf dem Gebiet der Erfindung arbeitsersparender Maschinen nicht mehr England die Führung hat, sondern Amerika. Amerikanische Erfindungen verdrängen Tag für Tag englische Patente und englische Maschinen. Amerikanische Maschinen werden nach England herübergebracht, und zwar für fast alle Industriezweige. Dazu besitzt Amerika die tatkräftigste Bevölkerung der Welt, Kohlenvorkommen, welche die Englands weit hinter sich lassen, Eisen und alle anderen Metalle in Hülle und Fülle. Und soll man annehmen, daß ein solches Land seine aufsteigende junge Industrie einem langwierigen Konkurrenzkampf mit der alteingesessenen Industrie Englands aussetzen werde, wenn sie durch eine kurze Schutzzollperiode von etwa zwanzig Jahren unmittelbar auf die gleiche Hohe mit jedem beliebigen Konkurrenten gebracht werden kann? Aber, sagt die Manchesterschule, Amerika beraubt durch sein Schutzzollsystem nur sich selbst. Genauso beraubt ein Mann sich selbst, der für einen Expreßzug Zuschlag zahlt, anstatt den Bummelzug zu benutzen - fünfzig Meilen in der Stunde statt zwölf.

Zweifelsohne wird es die heutige Generation noch erleben, daß amerikanische Baumwollwaren in Indien und China mit englischen konkurrieren und auf diesen beiden führenden Märkten allmählich Boden gewinnen und daß amerikanische Maschinen und Metallwaren mit den englischen Fabrikaten in allen Teilen der Welt, England einbegriffen, konkurrieren; dieselbe unerbittliche Notwendigkeit, die die flämischen Manufakturen nach Holland und die holländischen nach England brachte, wird binnen kurzem das Zentrum der Weltindustrie von England nach den Vereinigten Staaten verlegen. Und auf dem eingeschränkten Betätigungsfeld, das England dann noch verbleibt, wird es in mehreren Staaten Europas bedrohliche Konkurrenten finden.

Man kann die Augen nicht länger vor der Tatsache verschließen, daß Englands Industriemonopol rasch dahinschwindet. Wenn die "aufgeklärte" |265| Mittelklasse glaubt, es liege in ihrem Interesse, diese Tatsache zu verschweigen, so soll ihr doch die Arbeiterklasse kühn ins Auge blicken; denn sie ist daran noch mehr interessiert als selbst die "oberen" Klassen. Diese können noch auf lange Zeit hinaus die Bankiers und Geldverleiher der Welt bleiben, wie es vor ihnen die Venetianer und Holländer zur Zeit ihres Verfalls gewesen sind. Was aber soll aus den "Händen" werden, wenn Englands riesiger Ausfuhrhandel einmal anfängt, mit jedem Jahr mehr zusammenzuschrumpfen, anstatt sich auszudehnen? Wenn die Verlagerung des Eisenschiffbaus von der Themse an den Clyde genügte, das ganze Londoner Eastend zu chronischer Verelendung zu verurteilen, was wird dann erst die tatsächliche Verlagerung seines gesamten Stapelhandels auf die andere Seite des Atlantischen Ozeans für England bedeuten?

Sie wird eine große Sache zuwege bringen: Sie wird das letzte Band zerreißen, das die englische Arbeiterklasse noch mit der englischen Mittelklasse verbindet. Dieses Band war ihr gemeinsames Wirken für ein nationales Monopol. Ist dieses Monopol einmal zerstört, so wird die britische Arbeiterklasse gezwungen sein, ihre Interessen, ihre eigene Befreiung, selbst in die Hand zu nehmen und mit dem Lohnsystem Schluß zu machen. Wir wollen hoffen, daß sie so lange nicht wartet.


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