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Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 18, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 59-62.

1. Korrektur.
Erstellt am 04.03.1999

Karl Marx

Über die Nationalisierung des Grund und Bodens

Geschrieben März bis April 1868.
Nach der Handschrift.
Aus dem Englischen.


|59| Das Eigentum an Grund und Boden ... {1}, diese ursprüngliche Quelle allen Reichtums, ist das große Problem geworden, von dessen Lösung die Zukunft der Arbeiterklasse abhängt.

Ohne hier alle Argumente diskutieren zu wollen, die von den Verteidigern des Privateigentums an Grund und Boden - Juristen, Philosophen und politischen Ökonomen - vorgebracht werden, werden wir zunächst nur feststellen, daß sie das ursprüngliche Faktum der Eroberung unter dem Mantel des "Naturrechts" verbergen. Wenn die Eroberung ein Naturrecht der wenigen schuf, dann brauchen die vielen nur genügend Kraft zu sammeln, um das Naturrecht auf Rückeroberung dessen zu erlangen, was ihnen genommen worden ist.

Im Verlauf der Geschichte versuchen die Eroberer vermittels der von ihnen selbst erlassenen Gesetze, ihrem ursprünglich der Gewalt entstammenden Besitzrecht eine gewisse gesellschaftliche Bestätigung {2} zu geben. Zum Schluß kommt der Philosoph und erklärt, diese Gesetze besäßen die allgemeine Zustimmung der Gesellschaft {3}. Gründete sich das Privateigentum an Grund und Boden tatsächlich auf solch eine allgemeine Zustimmung, so wäre es offensichtlich in dem Augenblick aufgehoben, wo es von der Mehrheit einer Gesellschaft nicht mehr anerkannt wird.

Lassen wir indessen die sogenannten "Rechte" des Eigentums beiseite, so stellen wir fest, daß die ökonomische Entwicklung der Gesellschaft, das Wachstum und die Konzentration der Bevölkerung, die {4} Notwendigkeit der |60| kollektiven und organisierten Arbeit sowie die Maschinerie und andere Erfindungen für die Landwirtschaft, die Nationalisierung des Grund und Bodens zu einer "gesellschaftlichen Notwendigkeit" machen, wogegen kein Gerede über Eigentumsrechte aufkommen kann.

Änderungen, die von einer gesellschaftlichen Notwendigkeit diktiert werden, bahnen sich früher oder später ihren Weg; wenn sie zu einem dringenden Bedürfnis der Gesellschaft geworden sind, müssen sie befriedigt werden, und die Gesetzgebung wird immer gezwungen sein, sich ihnen anzupassen.

Was wir brauchen, ist eine tägliche Steigerung der Produktion, deren Erfordernisse nicht befriedigt werden können, wenn es einigen wenigen Individuen erlaubt ist, sie nach ihren Launen und privaten Interessen zu regeln oder aus Unwissenheit die Kräfte des Bodens zu erschöpfen. Sämtliche modernen Methoden wie Bewässerung, Entwässerung, Anwendung des Dampfpflugs, chemische Bearbeitung etc. müßten endlich {5} in der Landwirtschaft Eingang finden. Aber die wissenschaftlichen Kenntnisse, die wir besitzen, und die technischen Mittel der Landbearbeitung, die wir beherrschen, wie Maschinerie etc., können wir nie erfolgreich anwenden, wenn wir nicht einen Teil des Bodens in großem Maßstab bearbeiten.

Wenn die Bearbeitung des Bodens in großem Maßstab - sogar in seiner jetzigen kapitalistischen Form, die den Produzenten zum bloßen Arbeitstier herabwürdigt - zu Ergebnissen führt, die {6} denen der Bearbeitung kleiner und zersplitterter Flächen weit überlegen sind, würde sie dann nicht, in nationalem Maßstab angewendet, der Produktion zweifellos einen ungeheuren Impuls geben? Die ständig wachsenden Bedürfnisse der Bevölkerung einerseits, das dauernde Steigen der Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse andererseits liefern den unbestreitbaren Beweis, daß die Nationalisierung des Grund und Bodens zu einer "gesellschaftlichen Notwendigkeit" geworden ist.

Der Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, der seine Ursache im individuellen Mißbrauch hat, wird unmöglich, sobald die Bodenbearbeitung unter der Kontrolle, auf Kosten {7} und zum Nutzen der Nation durchgeführt wird.{8}

|61| Es ist oft auf Frankreich hingewiesen worden, aber mit seinen bäuerlichen Eigentumsverhältnissen ist es weiter von der Nationalisierung des Grund und Bodens entfernt als England mit seiner Großgrundbesitzerwirtschaft. In Frankreich ist zwar der Grund und Boden allen zugänglich, die ihn kaufen können, aber gerade diese Möglichkeit führte zur Aufteilung des Grund und Bodens in kleine Parzellen, die von Menschen bearbeitet werden, welche nur über spärliche Mittel verfügen und vornehmlich auf ihre eigene körperliche Arbeit und die ihrer Familien angewiesen sind. Diese Form des Grundeigentums mit seiner Bearbeitung zersplitterter Flächen schließt nicht nur jede Anwendung moderner landwirtschaftlicher Verbesserungen aus, sondern macht zugleich den Landmann selbst zum entschiedensten Feind jeden gesellschaftlichen Fortschritts und vor allem der Nationalisierung des Grund und Bodens.

Gefesselt an den Boden, an den er alle seine Lebenskraft wenden muß, um einen verhältnismäßig kleinen Ertrag zu erzielen; gezwungen, den größeren Teil seiner Erzeugnisse in Form von Steuern dem Staat, in Form von Gerichtskosten dem Juristenklüngel und in Form von Zinsen dem Wucherer abzutreten; in völliger Unkenntnis der gesellschaftlichen Bewegung außerhalb seines engen Tätigkeitsfeldes - hängt er trotzdem mit blinder Liebe an seinem Stückchen Erde und seinem bloß nominellen Besitzrecht. Dadurch ist der französische Bauer in einen höchst verhängnisvollen Gegensatz zur Industriearbeiterklasse gedrängt worden. Eben weil die bäuerlichen Eigentumsverhältnisse das größte Hindernis für die "Nationalisierung des Grund und Bodens" sind, ist Frankreich in seinem jetzigen Zustand gewiß nicht der Ort, wo wir eine Lösung dieses großen Problems suchen müssen.

Die Nationalisierung des Bodens und seine Verpachtung in kleinen Parzellen an Einzelpersonen oder an Arbeitergenossenschaften würde unter einer bürgerlichen Regierung nur eine rücksichtslose Konkurrenz unter ihnen auslösen und eine gewisse Steigerung der "Rente" mit sich bringen und dadurch den Aneignern neue Möglichkeiten bieten, auf Kosten der Produzenten zu leben.

Auf dem Internationalen Kongreß in Brüssel 1868 sagte einer meiner Freunde |César de Paepe|:

"Das kleine Privateigentum hat der Urteilsspruch der Wissenschaft zum Untergang verdammt, das große die Gerechtigkeit. Es bleibt also nur eine Alternative. Der Boden muß entweder das Eigentum von landwirtschaftlichen Assoziationen werden oder das Eigentum der gesamten Nation. Die Zukunft wird diese Frage entscheiden."

|62| Ich hingegen sage: Die Zukunft {9} wird entscheiden, daß der Boden nur nationales Eigentum sein kann. Das Land an assoziierte Landarbeiter zu übergeben, würde heißen, die ganze Gesellschaft einer besonderen Klasse von Produzenten auszuliefern. Die Nationalisierung des Grund und Bodens wird eine vollkommene Änderung in den Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital mit sich bringen und schließlich die gesamte kapitalistische Produktion beseitigen, sowohl in der Industrie wie in der Landwirtschaft. Nur dann werden die Klassenunterschiede und Privilegien verschwinden, zusammen mit der ökonomischen Basis, der sie entspringen, und die Gesellschaft wird in eine Assoziation freier "Produzenten" verwandelt werden. Von anderer Leute Arbeit zu leben wird eine Angelegenheit der Vergangenheit sein! Dann wird es weder eine Regierung noch einen Staat geben, die im Gegensatz zur Gesellschaft selbst stehen!

Landwirtschaft, Bergbau, Industrie, mit einem Wort alle Zweige der Produktion werden allmählich auf die nutzbringendste Art organisiert werden. Die nationale Zentralisation der Produktionsmittel wird die natürliche {10} Basis einer Gesellschaft werden, die sich aus Assoziationen freier und gleichgestellter, nach einem gemeinsamen und rationellen Plan bewußt tätiger Produzenten zusammensetzt. Das ist das {11} Ziel, welchem die große ökonomische Bewegung des 19. Jahrhunderts zustrebt.


Textvarianten

{1} Im "International Herald" ohne Auslassungspunkte <=

{2} Im "International Herald": Beständigkeit <=

{3} Im "International Herald": Menschheit <=

{4} Im "International Herald" lautet der folgende Teil des Satzes: Umstände, die den kapitalistischen Farmer dazu zwingen, zur kollektiven und organisierten Arbeit überzugehen und zur Maschinerie und anderen Erfindungen Zuflucht zu nehmen, die Nationalisierung des Grund und Bodens immer mehr zu einer "gesellschaftlichen Notwendigkeit" machen werden, wogegen kein Gerede über Eigentumsrechte aufkommen kann <=

{5} Im "International Herald": im großen <=

{6} Im "International Herald" eingefügt: vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen <=

{7} Im "International Herald" fehlt: auf Kosten <=

{8} Im "International Herald" hinzugefügt: "Alle Bürger, die ich hier im Verlaute der Debatte über diese Frage hörte, verteidigten die Nationalisierung des Grund und Bodens, aber sie äußerten sehr verschiedene Ansichten darüber." (Dieser Satz stammt anscheinend von Dupont.) <=

{9} Im "International Herald": Die soziale Bewegung <=

{10} Im "International Herald": nationale <=

{11} Im "International Herald" eingefügt: die Interessen der Menschheit umfassende <=


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