Lassalle | Inhalt | Preußische Finanzwirtschaft unter Bodelschwingh und Konsorten

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 6, S. 270-286
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1959

Der demokratische Panslawismus

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 222 vom 15. Februar 1849]

<270> *Köln, 14. Februar. Wir haben oft genug darauf hingewiesen, wie die sanften Träume, die nach den Revolutionen des Februar und März auftauchten, wie die Schwärmereien von allgemeiner Völkerverbrüderung, europäischer Föderativrepublik und ewigem Weltfrieden im Grunde weiter nichts waren als Verhüllungen der grenzenlosen Ratlosigkeit und Tatlosigkeit der damaligen Wortführer. Man sah nicht, oder man wollte nicht sehen, was zu tun war, um die Revolution sicherzustellen; man konnte oder man wollte keine wirklich revolutionären Maßregeln durchsetzen; die Borniertheit der einen, die kontrerevolutionäre Intrige der andern kamen darin überein, daß das Volk statt revolutionärer Taten nur sentimentale Phrasen erhielt. Der hochbeteuernde Schurke Lamartine war der klassische Held dieser Epoche des unter poetischen Blumen und rhetorischem Flitterstaat verdeckten Volksverrats.

Die revolutionierten Völker wissen es, wie teuer sie es haben entgelten müssen, daß sie damals in ihrer Gutmütigkeit den großen Worten und hochfahrenden Versicherungen glaubten. Statt der Sicherstellung der Revolution - überall reaktionäre Kammern, die die Revolution untergruben; statt der Durchführung der Verheißungen, die auf den Barrikaden gegeben wurden - die Kontrerevolutionen von Neapel, Paris, Wien, Berlin, der Fall Mailands, der Krieg gegen Ungarn; statt der Völkerverbrüderung - die Erneuerung der Heiligen Allianz auf breitester Grundlage unter dem Patronat von England und Rußland. Und dieselben Männer, die noch im April und Mai den hochtönenden Phrasen der Epoche zujauchzten, denken nur noch errötend daran, wie sie damals von Dummköpfen und Schurken sich prellen ließen.

Man hat es durch schmerzliche Erfahrung gelernt, daß die "europäische Völkerverbrüderung" nicht durch bloße Phrasen und fromme Wünsche zustande kommt, sondern nur durch gründliche Revolutionen und blutige <271> Kämpfe; daß es sich nicht um eine Verbrüderung aller europäischen Völker unter einer republikanischen Fahne, sondern um die Allianz der revolutionären Völker gegen die kontrerevolutionären handelt, eine Allianz, die nicht auf dem Papier, sondern nur auf dem Schlachtfeld zustande kommt.

In ganz Westeuropa haben diese bittern, aber notwendigen Erfahrungen den Lamartineschen Phrasen allen Kredit geraubt. Im Osten dagegen gibt es immer noch Fraktionen, angeblich demokratische, revolutionäre Fraktionen, die nicht müde werden, diesen Phrasen und Sentimentalitäten zum Echo zu dienen und das Evangelium von der europäischen Völkerverbrüderung zu predigen.

Diese Fraktionen - wir abstrahieren von einigen unwissenden Schwärmern deutscher Zunge wie Herrn A. Ruge usw. - sind die demokratischen Panslawisten der verschiedenen slawischen Volksstämme.

Das Programm des demokratischen Panslawismus liegt vor uns in einer Broschüre: "Aufruf an die Slaven. Von einem russischen Patrioten, Michael Bakunin, Mitglied des Slavenkongresses in Prag". Köthen 1848.

Bakunin ist unser Freund. Das wird uns nicht abhalten, seine Broschüre der Kritik zu unterwerfen.

Man höre, wie Bakunin gleich im Anfang seines Aufrufs an die Illusionen des vorigen März und April anknüpft:

"Gleich das erste Lebenszeichen der Revolution war ein Schrei des Hasses gegen die alte Unterdrückung, ein Schrei des Mitgefühls und der Liebe für alle unterdrückten Nationalitäten. Die Völker ... fühlten endlich die Schmach, mit welcher die alte Diplomatie die Menschheit beladen hat, und erkannten, daß nie die Wohlfahrt der Nationen gesichert ist, solange noch irgendwo in Europa ein einziges Volk unter dem Drucke lebt ... Hinweg die Unterdrücker, erscholl es wie aus einem Munde; den Bedrückten Heil, den Polen, den Italienern und allen! Keinen Eroberungskrieg mehr, aber noch den einen letzten Krieg bis auf die Neige durchgekämpft, den guten Kampf der Revolution zur endlichen Befreiung aller Völker! Nieder die künstlichen Schranken, welche von Despotenkongressen nach sogenannten historischen, geographischen, kommerziellen und strategischen Notwendigkeiten gewaltsam aufgerichtet worden sind! Es soll keine andern Scheidegrenzen mehr geben als jene der Natur entsprechenden, von der Gerechtigkeit und im Sinne der Demokratie gezogenen Grenzen, welche der souveräne Wille der Völker selbst auf Grund ihrer nationalen Eigenheiten vorzeichnet. So erging der Ruf durch alle Völker." p. 6, 7.

Wir finden schon in dieser Stelle die ganze schwärmerische Begeisterung der ersten Monate nach der Revolution wieder. Von den in der Wirklichkeit bestehenden Hindernissen einer solchen allgemeinen Befreiung, von den so durchaus verschiedenen Zivilisationsstufen und den dadurch bedingten eben- <272> so verschiedenen politischen Bedürfnissen der einzelnen Völker ist keine Rede. Das Wort "Freiheit" ersetzt das alles. Von der Wirklichkeit ist überhaupt keine Rede, oder soweit sie etwa in Betracht kommt, wird sie als etwas absolut Verwerfliches, von "Despotenkongressen" und "Diplomaten" willkürlich Hergestelltes geschildert. Dieser schlechten Wirklichkeit gegenüber tritt der angebliche Volkswille mit seinem kategorischen Imperativ, mit der absoluten Forderung der "Freiheit" schlechtweg.

Wir haben es gesehn, wer der Stärkere war. Der angebliche Volkswille ist gerade dadurch, daß, er sich auf eine so phantastische Abstraktion von den wirklich vorliegenden Verhältnissen einließ, so schmählich düpiert worden.

"Aufgelöst erklärte die Revolution aus ihrer Machtvollkommenheit die Despotenstaaten, aufgelöst das preußische Reich ... Österreich ... das türkische Reich ... aufgelöst endlich den letzten Despotentrost, das russische Reich ... und als Endziel von allem - die allgemeine Föderation der europäischen Republiken." p. 8.

In der Tat, uns hier im Westen muß es eigentümlich vorkommen, daß man, nachdem alle diese schönen Pläne in ihrem ersten Ausführungsversuch gescheitert sind, sie noch als etwas Verdienstliches und Großes aufzählen kann. Das war ja gerade das Schlimme, daß die Revolution zwar "aus eigener Machtvollkommenheit aufgelöst erklärte", aber zugleich "aus eigener Machtvollkommenheit" keinen Finger rührte, um ihr Dekret zu vollziehen.

Damals wurde der Slawenkongreß berufen. Der Slawenkongreß stellte sich durchaus auf den Standpunkt dieser Illusionen. Man höre:

"Die gemeinsamen Bande der Geschichte (?) und des Blutes lebhaft fühlend, schwuren wir, unsere Geschicke nicht wieder voneinander trennen zu lassen. Die Politik verfluchend, deren Opfer wir so lange gewesen, setzten wir uns selber ein in unser Recht auf eine vollkommene Unabhängigkeit und gelobten uns, daß diese hinfort allen slawischen Völkern gemeinsam sein sollte. Wir erkannten Böhmen und Mähren ihre Selbständigkeit zu ... wir streckten dem deutschen Volke, dem demokratischen Deutschland, unsere brüderliche Hand entgegen. Im Namen derer von uns, die in Ungarn wohnen, boten wir den Magyaren, den wütenden Feinden unserer Race ... ein brüderliches Bündnis an. Auch diejenigen unserer Brüder, die unter dem Joch der Türken seufzen, vergaßen wir nicht in unserem Bunde der Befreiung. Wir verdammten feierlich jene verbrecherische Politik, welche Polen dreimal zerriß ... Das alles sprachen wir aus und forderten mit allen Demokraten aller Völker (?): die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit aller Nationen." pag. 10.

Diese Forderungen stellt der demokratische Panslawismus heute noch auf:

"Wir fühlten uns damals unserer Sache gewiß ... die Gerechtigkeit und Menschlichkeit waren ganz auf unserer Seite, und auf der Seite unserer Feinde nichts als die Ungesetzlichkeit und Barbarei. Es waren keine leeren Traumgebilde, denen wir uns hin- <273> gaben, es waren die Gedanken der einzig wahren und notwendigen Politik, der Politik der Revolution."

"Gerechtigkeit", "Menschlichkeit", "Freiheit", "Gleichheit", "Brüderlichkeit", "Unabhängigkeit" - bis jetzt haben wir weiter nichts in dem panslawistischen Manifest gefunden, als diese mehr oder weniger moralischen Kategorien, die zwar sehr schön klingen, aber in historischen und politischen Fragen durchaus nichts beweisen. Die "Gerechtigkeit", die "Menschlichkeit", die "Freiheit" usw. mögen tausendmal dies oder jenes verlangen; ist die Sache aber unmöglich, so geschieht sie nicht und bleibt trotz alledem ein "leeres Traumgebilde". Die Panslawisten hätten aus der Rolle, die die Masse der Slawen seit dem Prager Kongreß gespielt hat, über ihre Illusionen sich aufklären, sie hätten einsehen können, daß mit allen frommen Wünschen und schönen Träumen gegen die eiserne Wirklichkeit nichts auszurichten ist, daß ihre Politik ebensowenig wie die der französischen Republik je die "Politik der Revolution" war. Und dennoch kommen sie uns heute, im Januar 1849, noch mit denselben alten Phrasen, über deren Inhalt Westeuropa durch die blutigste Kontrerevolution enttäuscht wurde!

Nur ein Wort über die "allgemeine Völkerverbrüderung" und Ziehung von "Grenzen, welche der souveräne Wille der Völker selbst auf Grund ihrer nationalen Eigenheiten vorzeichnet". Die Vereinigten Staaten und Mexiko sind zwei Republiken; in beiden ist das Volk souverän.

Wie kommt es, daß zwischen diesen beiden Republiken, die der moralischen Theorie gemäß "verbrüdert" und "föderiert" sein müßten, wegen Texas ein Krieg ausbrach, daß der "souveräne Wille" des amerikanischen Volks, gestützt auf die Tapferkeit der amerikanischen Freiwilligen, die von der Natur gezogenen Grenzen aus "geographischen, kommerziellen und strategischen Notwendigkeiten" um einige hundert Meilen weiter südlich verlegte? Und wird Bakunin den Amerikanern einen "Eroberungskrieg" zum Vorwurf machen, der zwar seiner auf die "Gerechtigkeit und Menschlichkeit" gestützten Theorie einen argen Stoß gibt, der aber doch einzig und allein im Interesse der Zivilisation geführt wurde? Oder ist es etwa ein Unglück, daß das herrliche Kalifornien den faulen Mexikanern entrissen ist, die nichts damit zu machen wußten? daß die energischen Yankees durch die rasche Ausbeutung der dortigen Goldminen die Zirkulationsmittel vermehren, an der gelegensten Küste des stillen Meeres in wenig Jahren eine dichte Bevölkerung und einen ausgedehnten Handel konzentrieren, große Städte schaffen, Dampfschiffsverbindungen eröffnen, eine Eisenbahn von New York bis San Francisco anlegen, den Stillen Ozean erst eigentlich der Zivilisation eröffnen, und zum dritten Mal in der Geschichte dem Welthandel eine neue Richtung geben <274> werden? Die "Unabhängigkeit" einiger spanischen Kalifornier und Texaner mag darunter leiden, die "Gerechtigkeit" und andre moralische Grundsätze mögen hie und da verletzt sein; aber was gilt das gegen solche weltgeschichtliche Tatsachen?

Wir bemerken übrigens, daß diese Theorie der allgemeinen Völkerverbrüderung, die ohne Rücksicht auf die historische Stellung, auf die gesellschaftliche Entwicklungsstufe der einzelnen Völker weiter nichts will als verbrüdern ins Blaue hinein, von den Redaktoren der "N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]" schon lange vor der Revolution bekämpft worden ist, und zwar damals gegen ihre besten Freunde, die englischen und französischen Demokraten. Die engl[ischen], franz[ösischen] und belg[ischen] demokratischen Blätter jener Zeit enthalten die Beweise dafür.

Was nun speziell den Panslawismus betrifft, so haben wir in Nr. 194 der "N.Rh.Z." <Siehe "Der magyarische Kampf"> entwickelt, wie er, abgesehen von den gutgemeinten Selbsttäuschungen der demokratischen Panslawisten, in der Wirklichkeit keinen andern Zweck hat, als den zersplitterten, historisch, literarisch, politisch, kommerziell und industriell von Deutschen und Magyaren abhängigen östreichischen Slawen einen Anhaltspunkt zu gehen, einerseits in Rußland, andrerseits in der durch die slawische Majorität beherrschten, von Rußland abhängigen östreichischen Gesamtmonarchie. Wir haben entwickelt, wie solche seit Jahrhunderten von der Geschichte wider ihren eigenen Willen nachgeschleifte Natiönchen notwendig kontrerevolutionär sein müssen und wie ihre ganze Stellung in der Revolution von 1848 wirklich kontrerevolutionär war. Gegenüber dem demokratisch-panslawistischen Manifest, das die Unabhängigkeit aller Slawen ohne Unterschied fordert, müssen wir auf diesen Punkt zurückkommen.

Bemerken wir zuerst, daß die politische Romantik und Sentimentalität bei den Demokraten des Slawenkongresses sehr zu entschuldigen ist. Mit Ausnahme der Polen - die Polen sind nicht panslawistisch, aus sehr handgreiflichen Gründen - gehören sie alle Völkerstämmen an, die entweder wie die Südslawen durch ihre ganze geschichtliche Stellung notwendig kontrerevolutionär sind oder die wie die Russen von einer Revolution noch weit entfernt und daher wenigstens vorderhand noch kontrerevolutionär sind. Diese Fraktionen, demokratisch durch ihre im Ausland erworbene Bildung, suchen ihre demokratische Gesinnung mit ihrem Nationalgefühl, das bei den Slawen bekanntlich sehr ausgeprägt ist, in Harmonie zu bringen; und da die positive Welt, die wirklichen Zustände ihres Landes, keine oder nur fingierte <275> Anknüpfungspunkte für diese Versöhnung boten, so bleibt ihnen nichts als das jenseitige "Luftreich des Traums", das Reich der frommen Wünsche, die Politik der Phantasie. Wie schön wäre es, wenn Kroaten, Panduren und Kosaken das Vordertreffen der europäischen Demokratie bildeten, wenn der Gesandte der Republik Sibirien in Paris seine Kreditive überreichte! Gewiß sehr erfreuliche Aussichten; aber daß die europäische Demokratie auf ihre Verwirklichung warten soll, wird doch selbst der begeistertste Panslawist nicht verlangen - und vorderhand sind gerade die Nationen, deren spezielle Unabhängigkeit das Manifest verlangt, die speziellen Feinde der Demokratie.

Wir wiederholen es: Außer den Polen, den Russen und höchstens den Slawen der Türkei hat kein slawisches Volk eine Zukunft, aus dem einfachen Grunde, weil allen übrigen Slawen die ersten historischen, geographischen, politischen und industriellen Bedingungen der Selbständigkeit und Lebensfähigkeit fehlen.

Völker, die nie eine eigene Geschichte gehabt haben, die von dem Augenblick an, wo sie die erste, roheste Zivilisationsstufe ersteigen, schon unter fremde Botmäßigkeit kommen oder die erst durch ein fremdes Joch in die erste Stufe der Zivilisation hineingezwungen werden, haben keine Lebensfähigkeit, werden nie zu irgendeiner Selbständigkeit kommen können.

Und das ist das Geschick der östreichischen Slawen gewesen. Die Tschechen, zu denen wir selbst die Mähren und Slowaken rechnen wollen, obwohl sie sprachlich und geschichtlich verschieden sind, hatten nie eine Geschichte. Seit Karl dem Großen ist Böhmen an Deutschland gekettet. Einen Augenblick emanzipiert sich die tschechische Nation und bildet das großmährische Reich, um sofort wieder unterjocht und während fünfhundert Jahren als Spielball zwischen Deutschland, Ungarn und Polen hin- und hergeworfen zu werden. Dann kommt Böhmen und Mähren definitiv zu Deutschland, und die slowakischen Gegenden bleiben bei Ungarn. Und diese geschichtlich gar nicht existierende "Nation" macht Ansprüche auf Unabhängigkeit?

Ebenso die eigentlich sogenannten Südslawen. Wo ist die Geschichte der illyrischen Slowenen, der Dalmatiner, Kroaten und Schokazen? Seit dem 11. Jahrhundert haben sie den letzten Schein politischer Unabhängigkeit verloren und teils unter deutscher, teils unter venetianischer, teils unter magyarischer Herrschaft gestanden. Und aus diesem zerrissenen Fetzen will man eine kräftige, unabhängige, lebensfähige Nation zusammenstümpern?

Noch mehr. Bildeten die östreich[ischen] Slawen eine kompakte Masse wie die Polen, die Magyaren, die Italiener, wären sie imstande, unter sich einen Staat von 12-20 Millionen zusammenzubringen, so hätten ihre Ansprüche doch noch einen ernsthaften Charakter. Aber gerade das Gegenteil <276> findet statt. Die Deutschen und Magyaren haben sich wie ein breiter Keil zwischen sie eingedrängt bis an die äußersten Enden der Karpaten, fast bis ans Schwarze Meer, haben die Tschechen, Mähren und Slowaken von den Südslawen durch einen 60-80 Meilen breiten Gürtel getrennt. Im Norden des Gürtels 51/2 Mill[ionen], im Süden 51/2 Mill[ionen] Slawen, getrennt durch eine kompakte Masse von 10-11 Mill[ionen] Deutschen und Magyaren, die durch Geschichte und Notwendigkeit Verbündete sind.

Aber warum sollten die 51/2 Millionen Tschechen, Mähren und Slowaken nicht ein Reich, die 51/2 Millionen Südslawen zusammen mit den türkischen Slawen nicht ein Reich bilden können?

Man betrachte auf der ersten besten Sprachenkarte die Verteilung der Tschechen und ihrer sprachverwandten Nachbarn. Wie ein Keil sind sie in Deutschland hineingeschoben, aber angefressen und zurückgedrängt zu beiden Seiten vom deutschen Element. Der dritte Teil Böhmens spricht deutsch; auf 24 Tschechen in Böhmen kommen 17 Deutsche. Und gerade die Tschechen sollen den Kern des beabsichtigten Slawenreichs bilden; denn die Mähren sind ebenfalls stark mit Deutschen, die Slowaken mit Deutschen und Magyaren versetzt und zudem in nationaler Beziehung gänzlich demoralisiert. Und welch ein Slawenreich, in dem schließlich doch die deutsche Bourgeoisie der Städte herrschen würde!

Ebenso die Südslawen. Die Slowenen und Kroaten schließen Deutschland und Ungarn vom Adriatischen Meer ab; und Deutschland und Ungarn können sich nicht vom Adriatischen Meere abschließen lassen, aus "geographischen und kommerziellen Notwendigkeiten", die zwar für Bakunins Phantasie kein Hindernis sind, die aber darum doch existieren und für Deutschland und Ungarn ebensolche Lebensfragen sind wie für Polen z.B. die Ostseeküste von Danzig bis Riga. Und wo es sich um die Existenz, um die freie Entfaltung aller Ressourcen großer Nationen handelt, da wird doch eine solche Sentimentalität wie die Rücksicht auf ein paar versprengte Deutsche oder Slawen nichts entscheiden! Abgesehn davon, daß diese Südslawen ebenfalls mit deutschen, magyarischen und italienischen Elementen überall versetzt sind, daß auch hier der erste Blick auf die Sprachenkarte das projektierte südslawische Reich in zusammenhangslose Fetzen sprengt und daß im besten Fall das ganze Reich den italienischen Bourgeois von Triest, Fiume und Zara und den deutschen Bourgeois von Agram. Laibach, Karlstadt, Semlin, Pancsova und Weißkirchen in die Hände geliefert wird!

Aber könnten sich die östreichischen Südslawen nicht an die Serben, Bosniaken, Morlachen und Bulgaren anschließen? Gewiß, wenn außer den angeführten Schwierigkeiten erst noch der uralte Haß des östreichischen <277> Grenzers gegen die türkischen Slawen jenseits der Save und Unna nicht existierte; aber diese Leute, die sich gegenseitig seit Jahrhunderten als Spitzbuben und Banditen kennen, hassen sich trotz aller Stammverwandtschaft unendlich mehr als Slawen und Magyaren.

In der Tat, die Stellung der Deutschen und Magyaren würde äußerst angenehm sein, wenn den östreichischen Slawen zu ihrem sogenannten "Rechte" verholfen würde! Zwischen Schlesien und Östreich ein unabhängiger böhmisch-mährischer Staat eingekeilt, Östreich und Steiermark durch die "südslawische Republik" von seinem natürlichen Debeuché <Handelsweg>, dem Adriatischen und Mittelmeere abgeschnitten, der Osten Deutschlands zerfetzt wie ein von Ratten abgenagtes Brot! Und das alles zum Dank dafür, daß die Deutschen sich die Mühe gegeben, die eigensinnigen Tschechen und Slowenen zu zivilisieren, Handel, Industrie, erträglichen Ackerbau und Bildung bei ihnen einzuführen!

Aber gerade dies unter dem Vorwande der Zivilisation den Slawen aufgezwängte Joch konstituiert ja gerade eines der größten Verbrechen der Deutschen wie der Magyaren! Man höre nur:

"Mit Recht zürntet Ihr, mit Recht schnaubtet Ihr Rache gegen jene fluchwürdige deutsche Politik, die nichts sann als Euer Verderben, die Jahrhunderte Euch geknechtet hat ... " pag. 5.

Die Magyaren, die wütenden Feinde unserer Race, die, kaum vier Millionen zählend, sich vermaßen, acht Millionen Slawen ihr Joch auflegen zu wollen ..." pag. 9.

"Was die Magyaren gegen unsere slawischen Brüder getan, was sie gegen unsere Nationalität verbrochen, wie sie unsere Sprache und Unabhängigkeit mit Füßen getreten, das weiß ich alles." pag. 30.

Welches sind nun die großen, schrecklichen Verbrechen der Deutschen und Magyaren gegen die slawische Nationalität? Wir sprechen hier nicht von der Teilung Polens, die nicht hierhergehört, wir sprechen von dem "jahrhundertelangen Unrecht", das an den Slawen verübt worden sein soll.

Die Deutschen haben im Norden das ehemals deutsche, später slawische Gebiet von der Elbe bis zur Warthe den Slawen wieder aberobert; eine Eroberung, die durch "geographische und strategische Notwendigkeiten" bedingt war, die aus der Teilung des Karolingischen Reichs hervorgingen. Diese slawischen Gebietsstrecken sind vollständig germanisiert; die Sache ist abgemacht und läßt sich nicht redressieren, es sei denn, daß die Panslawisten die verlorengegangene sorbische, wendische und obotritische Sprache wieder auffänden und den Leipzigern, Berlinern und Stettinern aufzwängen. Daß <278> diese Eroberung aber im Interesse der Zivilisation lag, ist bisher noch nie bestritten worden.

Im Süden fanden sie die slawischen Stämme bereits zersprengt. Dafür hatten die nichtslawischen Awaren gesorgt, die das später von den Magyaren besetzte Gebiet okkupierten. Die Deutschen machten sich diese Slawen zinsbar und führten manche Kämpfe mit ihnen. Dieselben Kampfe führten sie mit den Awaren und Magyaren, denen sie das ganze Land von der Ems bis zur Leitha abnahmen. Während sie hier mit Gewalt germanisierten, ging die Germanisierung der slawischen Länder weit mehr auf friedlichem Fuße, durch Einwanderung, durch den Einfluß der entwickelteren Nation auf die unentwickelte vor sich. Deutsche Industrie, deutscher Handel, deutsche Bildung brachten die deutsche Sprache von selbst ins Land. Was die "Unterdrückung" angeht, so wurden die Slawen nicht mehr von den Deutschen unterdrückt wie die Masse der Deutschen selbst.

Was die Magyaren betrifft, so sind ja auch eine Menge Deutsche in Ungarn, und nie haben die Magyaren über "fluchwürdige deutsche Politik" zu klagen gehabt, obwohl ihrer "kaum vier Millionen" waren! Und wenn die "acht Millionen Slawen" sich während acht Jahrhunderten gefallen lassen mußten, daß die vier Millionen Magyaren ihnen das Joch auferlegten, so beweist das allein hinlänglich, wer lebensfähiger und energischer war, die vielen Slawen oder die wenigen Magyaren!

Aber das größte "Verbrechen" der Deutschen und Magyaren ist allerdings, daß sie diese 12 Millionen Slawen daran verhindert haben, türkisch zu werden! Was wäre aus diesen zersplitterten kleinen Natiönchen, die eine so erbärmliche Rolle in der Geschichte gespielt haben, was wäre aus ihnen geworden, wenn sie nicht von Magyaren und Deutschen zusammengehalten und gegen die Heere Mohammeds und Solimans geführt worden wären, wenn nicht ihre sogenannten "Unterdrücker" die Schlachten entschieden hätten, die zur Verteidigung dieser schwachen Völkerschaften geschlagen wurden! Das Los der "zwölf Millionen Slawen, Wallachen und Griechen", die von "siebenhunderttausend Osmanen unter die Füße getreten werden" (p. 8) bis auf den heutigen Tag, spricht das nicht laut genug?

Und endlich, welches "Verbrechen", welche "fluchwürdige Politik", daß die Deutschen und Magyaren zu der Zeit, als überhaupt in Europa die großen Monarchien eine "historische Notwendigkeit" wurden, alle diese kleinen verkrüppelnden, ohnmächtigen Natiönchen zu einem großen Reich zusammenschlugen und sie dadurch befähigten, an einer geschichtlichen Entwicklung teilzunehmen, der sie, sich überlassen, gänzlich fremd geblieben wären! Freilich, dergleichen läßt sich nicht durchsetzen, ohne manch sanftes Nationen- <279> blümlein gewaltsam zu zerknicken. Aber ohne Gewalt und ohne eherne Rücksichtslosigkeit wird nichts durchgesetzt in der Geschichte, und hätten Alexander, Cäsar und Napoleon dieselbe Rührungsfähigkeit besessen, an die jetzt der Panslawismus zugunsten seiner verkommenen Klienten appelliert, was wäre da aus der Geschichte geworden! Und sind die Perser, Kelten und christlichen Germanen nicht die Tschechen, Oguliner und Sereschaner wert?

Jetzt aber ist die politische Zentralisation infolge der gewaltigen Fortschritte der Industrie, des Handels, der Kommunikationen noch ein viel dringenderes Bedürfnis geworden als damals im 15. und 16. Jahrhundert. Was sich noch zu zentralisieren hat, zentralisiert sich. Und jetzt kommen die Panslawisten und verlangen, wir sollen diese halbgermanisierten Slawen "frei lassen", wir sollen eine Zentralisation aufheben, die diesen Slawen durch alle ihre materiellen Interessen aufgedrängt wird!

Kurz, es stellt sich heraus, daß diese "Verbrechen" der Deutschen und Magyaren gegen die fraglichen Slawen zu den besten und anerkennenswertesten Taten gehören, deren sich unser und das magyarische Volk in der Geschichte rühmen kann.

Was übrigens die Magyaren angeht, so ist hier speziell noch zu bemerken, daß sie namentlich seit der Revolution viel zu nachgiebig und zu schwach gegen die aufgeblasenen Kroaten verfahren sind. Es ist notorisch, daß Kossuth ihnen alles mögliche zugab, nur nicht, daß ihre Deputierten auf dem Reichstage kroatisch sprechen dürften. Und diese Nachgiebigkeit gegen eine von Natur kontrerevolutionäre Nation ist das einzige, was man den Magyaren vorwerfen kann.

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 223 vom 16. Februar 1849]

*Köln, 15. Februar. Wir schlossen gestern mit dem Nachweis, daß die ostreichischen Slawen nie eine eigne Geschichte gehabt, daß sie historisch, literarisch, politisch, kommerziell und industriell von Deutschen und Magyaren abhängen daß sie schon teilweise germanisiert, magyarisiert, italienisiert sind, daß, wenn sie selbständige Staaten konstituierten, nicht sie, sondern die deutsche und italienische Bourgeoisie ihrer Städte diese Staaten beherrschen würde und daß endlich weder Ungarn noch Deutschland die Losreißung und selbständige Konstituierung solcher lebensunfähigen kleinen Zwischenstaaten dulden kann.

Das alles indes würde noch nichts entscheiden. Hätten die Slawen zu irgendeiner Epoche innerhalb ihrer Unterdrückung eine neue revolutionäre <280> Geschichte begonnen, so bewiesen sie schon dadurch ihre Lebensfähigkeit. Die Revolution hatte von dem Augenblick an ein Interesse an ihrer Befreiung, und das besondre Interesse der Deutschen und Magyaren verschwand vor dem größeren Interesse der europäischen Revolution.

Aber das war gerade nie der Fall. Die Slawen - wir erinnern nochmals daran, daß wir hier stets die Polen ausschließen - waren immer gerade die Hauptwerkzeuge der Kontrerevolutionäre. Unterdrückt zu Hause, waren sie in der Fremde die Unterdrücker aller revolutionären Nationen, soweit der slawische Einfluß reichte.

Man erwidre uns nicht, wir träten hier im Interesse deutscher Nationalvorurteile auf. Die Beweise liegen in deutschen, französischen, belgischen und englischen Zeitschriften vor, daß gerade die Redakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung" schon lange vor der Revolution allen deutschen Nationalborniertheiten aufs entschiedenste gegenübergetreten sind. Sie haben zwar nicht, wie manche andre, ins Blaue hinein und nach bloßem Hörensagen auf die Deutschen geschimpft; sie haben dagegen die schäbige Rolle, die Deutschland dank seinem Adel und seiner Bürgerschaft, dank seiner verkümmerten industriellen Entwicklung allerdings in der Geschichte gespielt hat, historisch nachgewiesen und schonungslos aufgedeckt; sie haben den zurückgebliebnen Deutschen gegenüber die Berechtigung der großen geschichtlichen Nationen des Westens, der Engländer und Franzosen, stets anerkannt. Aber eben deswegen gestatte man uns, die schwärmerischen Illusionen der Slawen nicht zu teilen und andre Völker ebenso streng zu beurteilen wie wir unsre eigne Nation beurteilt haben.

Bisher hat es immer geheißen, die Deutschen seien die Lanzknechte des Despotismus in ganz Europa gewesen. Wir sind weit entfernt, den schmählichen Anteil der Deutschen an den schmählichen Kriegen gegen die französische Revolution von 1792 bis 1815, an der Unterdrückung Italiens seit 1815 und Polens seit 1772 zu leugnen; wer aber stand hinter den Deutschen, wer benutzte sie als seine Söldner oder seine Avantgarde? England und Rußland. Rühmen sich die Russen doch bis auf den heutigen Tag, den Sturz Napoleons durch ihre unzählbaren Armeen entschieden zu haben, was allerdings großenteils seine Richtigkeit hat. Das wenigstens ist gewiß, daß von den Armeen, die Napoleon von der Oder bis nach Paris durch ihre Übermacht zurückdrängten, drei Viertel aus Slawen, Russen oder östreichischen Slawen, bestanden.

Und nun gar die Unterdrückung der Italiener und Polen durch die Deutschen! Bei der Teilung Polens konkurrierte eine ganz und eine halb slawische Macht; die Heere, die Kosciuszko erdrückten, waren der Majorität nach <281> Slawen; die Heere Diebitschs und Paskewitschs waren ausschließlich slawische Heere. Und in Italien haben die Tedeschi <Deutschen> lange Jahre allein die Schmach getragen, als Unterdrücker zu gelten; aber nochmals, woraus bestanden die Armeen, die sich zur Unterdrückung am besten gebrauchen ließen und deren Brutalitäten den Deutschen zur Last gelegt wurden? Wieder aus Slawen. Geht nach Italien und fragt, wer die Mailänder Revolution erdrückt hat, man wird euch nicht mehr sagen: die Tedeschi - seit die Tedeschi in Wien eine Revolution gemacht, haßt man sie nicht mehr -, sondern: die Croati. Das ist das Wort, worin die Italiener jetzt die ganze Östreichische Armee, d.h. alles, was ihnen am tiefsten verhaßt ist, zusammenfassen: i Croati!

Und dennoch würden diese Vorwürfe überflüssig und unberechtigt sein, wenn die Slawen an der Bewegung von 1848 sich irgendwo ernstlich beteiligt, wenn sie sich beeilt hätten, in die Reihen der revolutionären Völker einzutreten. Ein einziger mutiger demokratischer Revolutionsversuch, selbst wenn er erstickt wird, löscht im Gedächtnis der Völker ganze Jahrhunderte der Infamie und Feigheit aus, rehabilitiert auf der Stelle eine noch so tief verachtete Nation. Das haben die Deutschen voriges Jahr erfahren. Aber während Franzosen, Deutsche, Italiener, Polen, Magyaren die Fahne der Revolution aufpflanzten, traten die Slawen wie ein Mann unter die Fahne der Kontrerevolution. Voran die Südslawen, die bereits seit langen Jahren ihre kontrerevolutionären Sondergelüste gegen die Magyaren verteidigt hatten; dann die Tschechen, und hinter ihnen schlachtgerüstet und bereit im Moment der Entscheidung auf dem Kampfplatz zu erscheinen - die Russen.

Man weiß, wie in Italien die magyarischen Husaren massenweise zu den Italienern übergegangen sind, wie in Ungarn ganze italienische Bataillone sich zur Verfügung der magyarischen revolutionären Regierung stellten und noch unter der magyarischen Fahne kämpfen; man weiß, wie in Wien die deutschen Regimenter mit dem Volke hielten und selbst in Galizien durchaus nicht zuverlässig waren; man weiß, daß östreichische und nichtöstreichische Polen in Massen in Italien, in Wien, in Ungarn gegen die östreichischen Armeen kämpften und in den Karpaten noch kämpfen; aber wo hat man je davon gehört, daß tschechische oder südslawische Truppen gegen die schwarzgelbe Fahne sich aufgelehnt hätten?

Im Gegenteil, man weiß bis jetzt nur, daß das in seinen Grundfesten erschütterte Östreich durch die schwarzgelbe Begeisterung der Slawen am Leben erhalten und für einen Augenblick wieder sichergestellt ist; daß gerade die Kroaten, Slowenen, Dalmatiner, Tschechen, Mähren und Ruthenen <282> es waren, die einem Windischgrätz und Jellachich ihre Kontingente zur Unterdrückung der Revolution in Wien, Krakau, Lemberg, Ungarn stellten, und was wir von Bakunin jetzt noch erfahren, ist, daß der Prager Slawenkongreß nicht durch Deutsche, sondern durch galizische, tschechische, slowakische Slawen und "nichts als Slawen" (p. 33) zersprengt wurde!

Die Revolution von 1848 zwang alle europäischen Völker, sich für oder gegen sie zu erklären. In einem Monat hatten alle zur Revolution reifen Völker ihre Revolution gemacht, alle unreifen Völker sich gegen die Revolution aliiert. Damals galt es, die Völkerverwirrung von Osteuropa zu entwirren. Es kam darauf an, welche Nation hier die revolutionäre Initiative ergriff, welche die größte revolutionäre Energie entwickelte und sich dadurch die Zukunft sicherte. Die Slawen blieben stumm, die Deutschen und Magyaren, ihrer bisherigen geschichtlichen Stellung treu, traten an die Spitze. Und dadurch wurden die Slawen vollends der Kontrerevolution in die Arme geworfen.

Aber der Slawenkongreß zu Prag?

Wir wiederholen: Die sogenannten Demokraten unter den östreichischen Slawen sind entweder Schurken oder Phantasten, und die Phantasten, die in ihrem Volke keinen Boden für die vom Ausland eingeführten Ideen finden, sind fortwährend von den Schurken an der Nase herumgeführt worden. Auf dem Prager Slawenkongreß hatten die Phantasten die Oberhand. Als den aristokratischen Panslawisten, den Herren Graf Thun, Palacky und Konsorten, die Phantasterei bedrohlich schien, verrieten sie die Phantasten an Windischgrätz und die schwarzgelbe Kontrerevolution. Welche bittere, schlagende Ironie liegt nicht darin, daß dieser Kongreß von Schwärmern, verteidigt von der schwärmerischen Prager Jugend, durch Soldaten ihrer eigenen Nation auseinandergejagt, daß dem phantasierenden Slawenkongreß gleichsam ein militärischer Slawenkongreß entgegengestellt wurde! Die östreichische Armee, die Prag, Wien, Lemberg, Krakau, Mailand und Budapest einnahm, das ist der wirkliche, der aktive Slawenkongreß!

Wie haltlos und unklar die Phantasterei des Slawenkongresses war, das beweisen seine Früchte. Das Bombardement einer Stadt wie Prag würde jede andere Nation mit dem unauslöschlichsten Haß gegen die Unterdrücker erfüllt haben. Was taten die Tschechen? Sie küßten die Rute, die sie bis aufs Blut gezüchtigt, sie schworen begeistert zu der Fahne, unter der ihre Brüder niedergemetzelt, ihre Weiber geschändet worden waren. Der Prager Straßenkampf war der Wendepunkt für die östreichischen demokratischen Panslawisten. Um die Aussicht auf ihre elende "nationale Selbständigkeit" verkauften sie die Demokratie, die Revolution an die östreichische Gesamt- <283> monarchie, an "das Zentrum", "die systematische Durchführung des Despotismus im Herzen Europas", wie Bakunin p. 29 selbst sagt. Und für diesen feigen, niederträchtigen Verrat an der Revolution werden wir einst blutige Rache an den Slawen nehmen.

Daß sie von der Kontrerevolution nichtsdestoweniger geprellt worden sind, daß weder an ein "slawisches Östreich" noch an einen "Föderativstaat mit gleichberechtigten Nationen" und am allerwenigsten an demokratische Institutionen für die östreichischen Slawen zu denken ist, das ist diesen Verrätern endlich klargeworden. Jellachich, der kein größerer Schurke ist als die meisten übrigen Demokraten der östreichischen Slawen, bereut bitter, wie man ihn exploitiert hat; und Stratimirovich, um sich nicht länger exploitieren zu lassen, hat den offenen Aufstand gegen Östreich proklamiert. Die Slovanská-Lípa-Vereine stehen überall der Regierung wieder gegenüber und machen täglich neue schmerzliche Erfahrungen darüber, in welche Falle sie sich haben locken lassen. Aber es ist jetzt zu spät; in ihrer eigenen Heimat ohne Macht gegen die von ihnen selbst reorganisierte östreichische Soldateska, zurückgestoßen von den Deutschen und Magyaren, die sie verraten haben, zurückgestoßen von dem revolutionären Europa, werden sie denselben Militärdespotismus zu ertragen haben, den sie den Wienern und Magyaren aufbürden halfen. "Seid unterwürfig dem Kaiser, damit die kaiserlichen Truppen euch nicht behandeln, als seiet ihr rebellische Magyaren" - in diesen Worten des Patriarchen Rajachich ist es ausgesprochen, was sie zunächst zu erwarten haben.

Wie ganz anders haben die Polen gehandelt! Seit achtzig Jahren unterdrückt, geknechtet, ausgesogen, haben sie sich stets auf die Seite der Revolution gestellt, haben die Revolutionierung Polens mit der Unabhängigkeit Polens für unzertrennlich erklärt. In Paris, in Wien, in Berlin, in Italien, in Ungarn haben die Polen bei allen Revolutionen und Revolutionskriegen mitgekämpft, unbekümmert ob sie gegen Deutsche, gegen Slawen, gegen Magyaren, ja ob sie gegen Polen kämpften. Die Polen sind die einzige slawische Nation, die von allen panslawistischen Gelüsten frei ist. Aber sie haben auch sehr gute Gründe dazu: Sie sind hauptsächlich von ihren eignen slawischen sogenannten Brüdern unterjocht worden, und bei dem Polen geht der Russenhaß noch vor den Deutschenhaß, und mit vollem Recht. Daher aber, weil die Befreiung Polens von der Revolution unzertrennlich, weil Pole und Revolutionär identische Worte geworden sind, daher ist den Polen auch die Sympathie von ganz Europa und die Wiederherstellung ihrer Nationalität ebenso sicher wie den Tschechen, Kroaten und Russen der Haß von ganz Europa und der blutigste Revolutionskrieg des ganzen Westens gegen sie.

<284> Die östreichischen Panslawisten sollten einsehen, daß alle ihre Wünsche, soweit sie überhaupt erfüllbar, in der Herstellung der "östreichischen Gesamtmonarchie" unter russischem Schutz erfüllt sind. Zerfällt Östreich, so steht ihnen der revolutionäre Terrorismus der Deutschen und Magyaren bevor, keineswegs aber, wie sie sich einbilden, die Befreiung sämtlicher unter Östreichs Zepter geknechteten Nationen. Sie müssen daher wünschen, daß Östreich zusammenbleibe, ja, daß Galizien bei Östreich bleibe, damit die Slawen die Majorität im Staat behalten. Die panslawistischen Interessen stehen hier also schon der Wiederherstellung Polens direkt entgegen; denn ein Polen ohne Galizien, ein Polen, das nicht von der Ostsee bis an die Karpaten geht, ist kein Polen. Darum aber ist ein "slawisches Östreich" immer noch ebenfalls ein bloßer Traum; denn ohne die Suprematie der Deutschen und Magyaren, ohne die beiden Zentren Wien und Budapest fällt Östreich wiederum auseinander, wie seine ganze Geschichte bis auf die letzten Monate beweist. Die Realisierung des Panslawismus würde sich demnach auf das russische Patronat über Östreich beschränken müssen. Die offen reaktionären Panslawisten hatten daher ganz recht, wenn sie sich an die Erhaltung der Gesamtmonarchie anklammerten; es war das einzige Mittel, irgend etwas zu retten. Die sogenannten demokratischen Panslawisten waren aber in einem argen Dilemma: entweder Aufgebung der Revolution und wenigstens teilweise Rettung der Nationalität durch die Gesamtmonarchie oder Aufgebung der Nationalität und Rettung der Revolution durch den Zerfall der Gesamtmonarchie. Damals hing das Schicksal der osteuropäischen Revolution von der Stellung der Tschechen und Südslawen ab; wir werden es ihnen nicht vergessen, daß sie im entscheidenden Augenblick um ihrer kleinlichen Nationalhoffnungen willen die Revolution an Petersburg und Olmütz verraten haben!

Was würde man dazu sagen, wenn die demokratische Partei in Deutschland ihr Programm mit der Rückforderung von Elsaß, Lothringen und von dem, in jeder Beziehung zu Frankreich gehörigen Belgien eröffneten, unter dem Vorwande, daß dort die Majorität der Bevölkerung germanisch ist? Wie lächerlich würden sich die deutschen Demokraten machen, wollten sie eine pangermanistische deutsch-dänisch-schwedisch-englisch-holländische Allianz zur "Befreiung" aller deutschredenden Länder herstellen! Die deutsche Demokratie ist glücklicherweise über diese Phantastereien hinaus. Die deutschen Studenten von 1817 und 1830 trugen sich mit dergleichen reaktionären Schwärmereien herum und werden heute in ganz Deutschland nach Verdienst gewürdigt. Die deutsche Revolution kam erst zustande; die deutsche Nation fing erst an, etwas zu werden, als man sich vollständig von diesen Futilitäten befreit hatte.

<285> Ebenso kindisch und reaktionär wie der Pangermanismus ist aber auch der Panslawismus. Wenn man die Geschichte der Panslawistischen Bewegung des letzten Frühjahrs in Prag nachliest, so meint man, dreißig Jahre zurückversetzt zu sein: trikolore Bänder, altfränkische Kostüme, altslawische Messen, vollständige Restauration der Zeit und der Sitten der Urwälder; die Swornost - eine komplette Burschenschaft, der Slawenkongreß - eine neue Auflage des Wartburgfestes; dieselben Phrasen, dieselbe Schwärmerei, derselbe Jammer nachher: "Wir hatten gebauet ein stattliches Haus" usw. Wer dies berühmte Lied in slawische Prosa übersetzt lesen will, der lese Bakunins Broschüre.

Gerade wie bei den deutschen Burschenschaftlern auf die Dauer die entschiedenste kontrerevolutionäre Gesinnung und der wütendste Franzosenhaß und das bornierteste Nationalgefühl hervortrat, wie sie später alle zu Verrätern an der Sache wurden, für die zu schwärmen sie vorgegeben - gerade so, nur rascher, weil das Jahr 1848 ein Revolutionsjahr war, löste sich bei den demokratischen Panslawisten der demokratische Schein sehr bald in fanatischen Deutschen- und Magyarenhaß, in indirekte Opposition gegen die Wiederherstellung Polens (Lubomirski) und in direkten Anschluß an die Kontrerevolution auf.

Und wenn einzelne aufrichtige slawische Demokraten jetzt den österreichischen Slawen zurufen, sie sollten sich der Revolution anschließen, die österreichische Gesamtmonarchie als ihren Hauptfeind ansehen, ja im Interesse der Revolution mit den Magyaren halten, so erinnern sie an die Henne, die am Rand des Teich umherläuft in Verzweiflung über die jungen Enten, die sie selbst ausgebrütet und die ihr nun plötzlich auf ein wildfremdes Element entweichen, wohin sie ihnen nicht folgen kann.

Machen wir uns übrigens keine Illusionen. Bei allen Panslawisten geht die Nationalität, d.h. die phantastische, allgemeinslawische Nationalität vor der Revolution. Die Panslawisten wollen sich der Revolution anschließen unter der Bedingung, daß es ihnen gestattet werde, alle Slawen ohne Ausnahme, ohne Rücksicht auf die materiellsten Notwendigkeiten in selbständige slawische Staaten zu konstituieren. Hätten wir Deutschen dieselben phantastischen Bedingungen stellen wollen, wir wären im März weit gekommen! Die Revolution aber läßt sich keine Bedingungen stellen. Entweder ist man revolutionär und akzeptiert die Folgen der Revolution, sie seien, welche sie wollen, oder man wird der Kontrerevolution in die Arme gejagt und findet sich, vielleicht ganz wider Wissen und Willen, eines Morgens Arm in Arm mit Nikolaus und Windischgrätz.

Wir und die Magyaren sollen den östreichischen Slawen ihre Selbständigkeit garantieren - so verlangt Bakunin, und Leute von dem Kaliber eines <286> Ruge sind kapabel, ihm solche Versprechungen unter vier Augen wirklich gemacht zu haben. Man verlangt von uns und den übrigen revolutionären Nationen Europas, wir sollen den Herden der Kontrerevolution dicht an unsrer Tür eine ungehinderte Existenz, freies Verschwörungs- und Waffenrecht gegen die Revolution garantieren; wir sollen mitten im Herzen von Deutschland ein kontrerevolutionäres tschechisches Reich konstituieren, die Macht der deutschen, polnischen und magyarischen Revolutionen durch dazwischen geschobne russische Vorposten an der Elbe, den Karpaten und der Donau brechen!

Wir denken nicht daran. Auf die sentimentalen Brüderschaftsphrasen, die uns hier im Namen der kontrerevolutionärsten Nationen Europas dargeboten werden, antworten wir, daß der Russenhaß die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und noch ist; daß seit der Revolution der Tschechen- und Kroatenhaß hinzugekommen ist und daß wir, in Gemeinschaft mit Polen und Magyaren, nur durch den entschiedensten Terrorismus gegen diese slawischen Völker die Revolution sicherstellen können. Wir wissen jetzt, wo die Feinde der Revolution konzentriert sind: in Rußland und den östreichischen Slawenländern; und keine Phrasen, keine Anweisungen auf eine unbestimmte demokratische Zukunft dieser Länder werden uns abhalten, unsere Feinde als Feinde zu behandeln.

Und wenn Bakunin endlich ausruft:

"Wahrlich, nichts einbüßen soll der Slawe, sondern gewinnen soll er! Wahrlich, leben soll er! Und wir werden leben. Solange uns der kleinste Teil unsrer Rechte bestritten wird, solange ein einziges Glied von unsrem gesamten Leibe abgetrennt oder losgerissen gehalten wird, solange werden wir bis aufs Blut, werden wir unerbittlich auf Tod und Leben kämpfen, bis das Slawentum endlich groß und frei und unabhängig in der Welt dasteht" -

wenn der revolutionäre Panslawismus diese Stelle ernstlich meint und, wo es sich um die phantastisch-slawische Nationalität handelt, die Revolution ganz aus dem Spiele läßt, dann wissen wir auch, was wir zu tun haben.

Dann Kampf, "unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod" mit dem revolutionsverräterischen Slawentum; Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus - nicht im Interesse Deutschlands, sondern im Interesse der Revolution!

Geschrieben von Friedrich Engels.